Kranhaus Geschichte

Das Kranhaus

und die Lager- und Speichergebäude der Firma Hofmann & Roemer am Wittenberger Elbhafen

Ein Ausflug in Geschichte und Gegenwart

Wittenberge im industriellen Aufschwung des 19. Jahrhunderts

Das 19. Jahrhundert brachte dem einstigen Ackerbürgerstädtchen Wittenberge einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung. So befand sich hier ab 1819 das Hauptzollamt für den Elbzoll. In diesem „Vereinigten Elbzollamt“ waren 80 Zollbeamte stationiert und sieben Zollscheunen wurden bis 1869 betrieben.

1823 gründete der Berliner Kaufmann Salomon Herz als erste industrielle Anlage Wittenberges die damals größte und modernste Ölfabrik Europas. Der erforderlich gewordene Ausbau des Wittenberger Elbhafens erfolgte von 1832 bis 1835. Unter diesen günstigen äußeren Bedingungen gründete 1836 die Firma Hofmann & Roemer ihr Speditionsgeschäft, das gleichzeitig mit einem florierenden Landesproduktenhandel und einer Elbschifffahrtsvertretung verbunden war.

Ebenfalls förderlich für ein florierendes Speditions- und Handelsgeschäft wirkten sich die Eröffnung der Eisnebahnlinie Berlin – Hamburg 1846 sowie die Fertigstellung der Eisenbahnbrücke über die Elbe und die damit verbundene Eisenbahnverbindung nach Magdeburg 1851 aus. Auch die Elbschifffahrt entwickelte sich ständig weiter. Segelschiffe wurden durch Schraubendampfer und den Beginn der Kettenschifffahrt abgelöst. Bereits 1884 liefen fast 6000 Dampfer und mehr als 18000 Frachtschiffe mit einem Gesamtladegewicht von 1,2 Millionen Tonnen den Wittenberger Hafen an.

Ein erheblicher Teil dises Güterumsatzes wurde durch die Firma Hofmann & Roemer abgewickelt. Belegt ist, dass die Firma Hofmann & Roemer auch den Packhof zwischen Herzstraße (heute: Bad Wilsnacker Straße) und dem Hafen betrieben hat sowie auch eine Dampfziegelei in der Wahrenberger Straße. 1904 errichtete die Firma auf dem Packhof am Hafen eine massive Uferbefestigung.

Im Jahre 1868 – also 32 Jahre nach der Gründung – übernahm der Kaufmann und spätere Kommerzienrat Johannes Runge als Geschäftsführer die Geschicke der Firma Hofmann & Roemer und führte sie die darauffolgenden 45 Jahre erfolgreich weiter.

Besonders erwähnenswert ist dabei auch der Einsatz des am 1.1.1841 in Escherode geborenen Runge, der 1867 Bürger von Wittenberge wurde, für seine neue Heimatstadt. So wirkte er als „unbesoldeter Beigeordneter“ im Magistrat der Stadt, stiftete bei seiner Ernennung zum Kommerzienrat 10.000 Mark für Wittenberge und schenkte der Stadt 1903 eine Warmbadeanstalt. An deren Gebäude ließ er die Inschrift „Johannes-Runge-Stiftung“ anbringen. Wittenberge dankte es dem erfolgreichen Kaufmann. Anlässlich seines 60. Geburtstages erhält die im Heisterbusch projektierte Straße Nr. 4 den Namen Johannes-Runge-Straße und 1903 ernennt die Stadt ihn yum Ehrenbürger.

Auch die Gattin des Kommerzienrats war in der Firma Hofmann & Roemer tätig., und zwar als Prokuristin. Auch sie betätigte sich aktiv in der städtischen Armenhilfe. Ihr Mann widmete ihr zu Ehren nach ihrem Tode die „Margarete-Runge-Stiftung“ mit 20.000 Mark für Arme und Wohltätigkeitszwecke.

1913 schied Johannes Runge aus der Geschäftsführung der Firma Hofmenn & Roemer aus. Nun wurde das Unternehmen von drei Geschäftsführern als GmbH weitergeführt.

Johannes Runge starb 1918 nach einem arbeitsreichen, erfüllten Leben.

 

Aus der Bauakte

Die Errichtung der Lager- und Speichergebäude und des Kranhauses

Am 13. Mai 1868 erwarb Johannes Runge als neu ernannter Geschäftsführer der Firma Hofmann & Roemer das Grandstück Chausseestraße 2 (heutige Bahnstraße 130), wo bereits vorher die geschäftsführenden Kaufleute des Unternehmens wohnten. Gleich hinter dem stattlichen Wohnhaus befanden sich an der Gasse Hinter den Planken weitere Speicher der Firma.

Am 11. Mai 1882 beschloss die Stadtverordnetenversammlung, dem Kaufmann Johannes Runge für 60 Mark jährlich eine Deichstrecke zwecks Einrichtung einer Krananlage pachtweise zu überlassen. Im Juli gleichen Jahres wurden daraufhin „Zeichnungen zum Bau eines intermistischen Bretterschuppens und dem ranzulegenden Kran des Herrn Kaufmann J. Runge“ gefertigt. Bereits im April 1882 entstand ein „Entwurf yu einer Ladebrückemit Laufkrahn am Hafen zu Wittenberge“. Nach diesen Zeichnungen wurde der Vorläufer des heutigen Kranhauses errichtet, ein langgezogener Bretterschuppen mit Laderampe und Hebekran auf dem Wittenberger Elbdeich.

Im Jahre 1883 wurde Runge die Bauerlaubnis zur Errichtung des großen Speichergebäudes in der Elbstr. Nr. 4 erteilt. Bereits 1884 findet man im Adressbuch hierunter des Lagerhaus der Firma Hofman & Roemer.
Mitgeteilt wurde unter anderem auch: „zum Grundstück Elbstraße 4 gehörig ist ein Hebekran am Elbufer“.

12 Jahre später, am 01.11.1904 und 08.12.1904, genehmigte die Stadtverordnetenversammlung der Firma Hofmann & Roemer die Aufstellung eines Dampfkranes mit Speicher. Im gleichen Jahr entstanden auch die „Zeichnungen für Krananlage und Speicher für Herrn Commerzienrat Runge in Wittenberge“. Im darauffolgenden Jahr entstand somit das in der bekannten Ziegelbauweise. Elbseitig erhielt das Objekt eine große Ladebrücke mit Laufkran, der auf Schienen entlang lief und einen kreisrunden Schwenkbereich hatte.

 

Zeitzeugen

Ausschnitte aus einem Brief von Achim Wieske, vom 01. August 1944 bis 31. Juli 1947 Lehrling bei Hofmann & Roemer in Wittenberge

Die Firma Hofmann & Roemer G.m.b.H. war eine Waren-Großhandlung, Spedition und Ziegelei mit den Fachuntergruppen Nahrungs- und Genußmittel und verwandte Waren, Spedition, Lagerei und Ziegelindustrie. Während meiner Lehrzeit war Hermann Wienecke als Geschäftsführer angestellt. Im Hauptgebäude (dem großen Speicher Elbstr. 4) waren im Erdgeschoß das Büro, ähnlich einem Großbüro und das Lager für Salz, Zündhölzer u.ä.; in der 1. Etage das Lager für Stärkeerzeugnisse, Gewürze u.ä.; in der 2. Etage das Lager für Zucker, Grieß, Mehl und Haferflocken als Sackware und in der 3. Etage das Lager für landwirtschaftliche Sämereien, Grassamen und Futterrüben untergebracht.

Im Krangebäude / Kranschuppen wurden wurden zum größten Teil auf der Kranrampe unter anderem Rollreifenfässer mit leicht brennbaren Flüssigkeiten, im unteren Lagerraum Kisten, Metallbehälter und Kartons und im oberen Lagerraum Sackwaren, gleich welcher Art, bis zum weiteren Transport gelagert.

Die Anlieferung der Stückgutsendungen zur Bahn erfolgte durch den betriebseigenen Lastkraftwagen, der auch zur Belieferung der Einzelhändler in Wittenberge und der Pregnitz diente. Im Lagerschuppen, Gleisanschluß, in der Packhofstraße wurde das Stückgut oft zum Bahnversand verladen. Die Binnenschiffahrt und der Bahnversand waren Bestandteil der Spedition. Die Speditionsaufgaben endeten Anfang 1945.

In den letzten Kriegswochen war das Unternehmen Hoffmann & Roemer als Versorgungsbetrieb eingesetzt. Nach der der Besetzung
Wittenberges wurde der gesamte Lagerbestand mit Lebensmitteln durch die Bevölkerung geplündert. Nach der Bildung der Deutschen Handelszentrale mußte die Firma Hofmann & Roemer G.m.b.H. die Versorgungsaufgaben abgeben und sich somit einem vollständig neuem Sortiment zuwenden. Das Hauptsortiment wurde die Kosmetik und Haushaltchemie.

Neben dem Hauptgebäude, dem Kranschuppen, gab es noch den Heringsschuppen, der wegen seiner schlechten Bausubstanz kaum mehr genutzt wurde, sowie das große Lager, das sich von der Straße „Hinter den Planken“ bis zur Steinstraße erstreckte. Dieses Gebäude diente als Garage für Fahrzeug und Hänger sowie zur Lagerung des Holz-Kohle-Gemisches für den Lastkraftwagen…

Zum Lehrbeginn gehörten zum Betrieb noch zwei Ziegeleien. Eine Ziegelei war an der Fährstelle am Deich nach Wahrenberg und nicht mehr in Betrieb und die andere in der Wahrenberger Straße. Später wurde auch die zweite Ziegelei wegen Mangel an Ton geschlossen…

Kurz vor meinem Ausscheiden übernahm Herr Winkler die Funktion des Geschäftsführers. Während meiner Lehrzeit lernte ich noch Herrn Gast kennen. Herr Gast war bereits über 70 Jahre alt und war der letzte Gespannführer / Kutscher, der bis 1930 die Belieferung der Kunden in Wittenberge und Umgebung mit dem Pferdefuhrwerk / Rollwagen durchführte…

 

Achim Wieske

40 Jahre DDR
Nutzung der Speichergebäude und Verfall des Kranhauses

Nach 1950 wurden die Speichergebäude durch einen Papiergroßhandel genutzt, dem Versorgungskontor Papier und Bürobedarf Rostock, Niederlassung Wittenberge. Viele Wittenberger und vor allem Wittenbergerinnen haben hier im Lager gearbeitet.
Als Lagerhaus wurde dabei das Speichergebäude Elbstraße 4 umfassend genutzt, das Kranhaus jedoch wurde mehr und mehr dem Verfall preigegeben, denn eine nicht ausreichende Gründung und Hochwasserschäden verlangten nach Sanierung. Doch zu Zeiten der DDR waren Baumaterial sowie finanzielle Mittel knapp. So wurde mit Schreiben durch die staatliche Bauaufsicht vom 01.11.1968 das Lagergebäude einschließlich der Laderampe für die Weiterbenutzung gesperrt.

Ein Brief des Wasserstraßenamtes Wittenberge an den Versorgungskotor Papier und Bürobedarf vom 19.02.1969 beschreibt deutlich den damaligen Zustand des Gebäudes:
„…Die Rampe macht einen derart verlodderten, unordentlichen und unsauberen Eindruck, daß sie einen wahren Schandfleck für den hinter Vorhafenbereich darstellt. Hinzu kommt, daß die vorderen Reibedalbenpfähle zum Teil verfault, stark beschädigt und zerbrochen in ihren Halterungen hängen, das gleiche gilt für Stahlkonstruktionsteile und auch die obere Betonplatte weist Beschädigungen und Ausbrüche auf. Des weiteren steht auf der Rampe noch ein uralter Verladekran, dessen Anwesenheit mit seinen Nebeneinrichtungen dort nicht mehr notwendig ist. … Die Anlage ist eine Gefahr für anlegende oder näher vorbeifahrende Fahrzeuge…“

Dieser beschriebene Zustand hielt dann die nächsten 30 Jahre an, bis das Kranhaus aus seinem „Dornröschenschlaf“ erweckt wurde.

 

Alte Bauten – Neue Chancen

Sanierung und Umnutzung der Speicher- und Lagergebäaude, das Einzelbaudenkmal „Das Kranhaus“ wird zur Gaststätte
In den Jahren 1991/92 wurde durch das Bauverordnugsamt Perleberg gar erwogen, das Kranhaus abzureißen. Glücklicherweise verwarf man diesen Gedanken wieder und erklärte dieses so exponiert halb auf dem Deich und halb über dem Hafenbecken gelegene Gebäude zum Einzelbaudenkmal

Neues Leben, zuerst auf dem Papier, brachte der Wittenberger Architekt Jürgen Hannebauer in die alten Gemäuer. Seine gefertigten Entwürfe zum Umbau der Lagergebäude sowie die hervorragende Lage an der Elbe veranlassten 1998 die Hamburger Investoren und Projektentwickler Heinz-Helmuth Schwarz und Thomas Rostock, den Speicher und das Kranhaus durch umfangreiche Sanierungs- und Umbaumaßnahmen einer neuen Nutzung zuzuführen.

Beide Gebäude wurden komplett entkernt, große Setzrisse mussten verankert werden und das Kranhaus bedurfte zudem einer komplett neuen Gründung. Dazu mussten 22 neue Bohrpfähle 12 Meter tief in tregfähigen Grund getrieben werden. Schwierig gestaltete sich auch der Abbau der alten, stark baufälligen und einsturzgefährdeten Laderampe des Kranhauses und der Aufbau einer neuen Terrasse an gleicher Stelle. Diese Arbeiten erforderten unter anderem einen Spezialkran und den Einsatz von Tauchern.

Auf den alten Speicheretagen entstanden durch neues Mauerwerk und Trockenbauwände 10 exklusive Eigentumswohnungen mit Wohnflächen zwischen 35 und 104m². Bodentiefe Holzsprossenfenster sorgen für faszinierende Ausblicke in die Elbtalaue und besondere Details, wie versiegelte Ziegelwände, für ein außergewöhnliches Wohnerlebnis. Aus dem alten Kranhaus wurde „Das Kranhaus“, eine Gaststätte mit rustikalem Ambiente, das sowohl das alte Wittenberge als auch die einstige Nutzung des Gebäudes wiederspiegelt. Die Gaststätte erstreckt sich über 2 Etagen, im Dachgeschoss schaut man bis unter den Dachfirst und auf der wasserseitigen, neuen Terrasse bleibt bei schönem Wetter kein Stuhl leer.

Für die Sanierung beider Objekte konnten die Investoren Fördermittel in Anspruch nehmen.

Noch steht der Umbau des Ensemble gehörenden dritten und kleinsten Speichers aus. Hier sollen PKW-Stellplätze und eine weitere Wohneinheit entstehen.
Herausgeber: GHF GmbH

Quellennachweis: Altstadt Neu (Zeitschrift der GSW), Heinz Muchow: „Wittenberge wie es früher war“, Wartberg Verlag, Stadtarchiv Wittenberge, Achim Wieske

Text: Ines Heinke